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Rollt gerade die zweite Welle auf uns zu?

Geposted von Oliver Wicki am



Diese Woche haben sich in der Schweiz wieder deutlich mehr Menschen mit dem Coronavirus angesteckt. Wir müssen nun schnell handeln, um weiter steigende Fallzahlen zu verhindern, sagen die Experten.


Alexandra Bröhm

 

Diese Woche sind in der Schweiz wieder deutlich mehr Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Fallzahlen sind im Vergleich zur Vorwoche um mehr als 70 Prozent angestiegen, am Donnerstag waren es 52, am Freitag 58, am Samstag 69 neue Fälle. Ist dies nun schon die zweite Welle, wie können wir den Anstieg der Fallzahlen abbremsen und würde eine allfällige zweite Welle anders ablaufen als die erste?

Wie besorgniserregend ist der Anstieg der Fallzahlen?

«Mir macht die momentane Entwicklung Sorgen, weniger wegen der Lockerungen oder der absoluten Zahlen, sondern vor allem wegen der Sorglosigkeit», sagt Manuel Battegay, Chefarzt Infektiologie & Spitalhygiene am Universitätsspital Basel und Mitglied der Science Task Force des Bundes. Weil die Zahlen jeweils den Zustand von vor rund zwei Wochen abbilden, sind die letzten Lockerungsschritte wie Veranstaltungen mit 300 und sogar 1000 Personen in dem Anstieg noch nicht enthalten. Gestiegen sind die Zahlen bereits seit Anfang Juni leicht, und auch die Reproduktionszahl, also wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt, liegt schon seit einigen Wochen wieder leicht über 1. Experten der Science Task Force hatten letztes Wochenende gewarnt, dass die Lockerungsschritte in der Schweiz zu schnell passierten. «Beunruhigend ist, dass auch die Hospitalisierungen jetzt wieder ansteigen», sagt Christian Althaus, Epidemiologe an der Universität Bern und ebenfalls Mitglied der Science Task Force. Weil die Schweiz in den letzten Wochen sehr schnell vieles gelockert hat, ist es schwierig festzustellen, was den Anstieg befeuert.

Was sagt das Bundesamt für Gesundheit (BAG)?

«Die Zahlen zeigen tatsächlich eine leicht steigende Tendenz. Man muss die weitere Entwicklung nun aufmerksam beobachten», sagt eine BAG-Sprecherin auf Anfrage. Am Samstag schrieb BAG-Direktor Pascal Strupler auf Twitter noch: «Die Anzahl Neuinfizierter steigt in den letzten Tagen wieder an. Beunruhigend! Hygiene und Distanz trotz Lockerung der Massnahmen sind dringend. Alles andere ist ein Freipass für das Virus!»

Wo steigen die Fallzahlen in der Schweiz?

Im Moment sind die Ausbrüche über die ganze Schweiz verteilt, es gibt keine klar erkennbaren Cluster, wie das beispielsweise in Deutschland in Gütersloh der Fall ist. Fast alle Kantone melden jetzt wieder Fälle. Laut Aussage des BAG vom Donnerstag haben 15 bis 20 Prozent der Fälle ihren Ursprung im Ausland. Im Moment sind es – ähnlich wie im Februar – vor allem jüngere Menschen, die sich anstecken. Wenn die Fallzahlen allgemein steigen, nimmt jedoch auch das Risiko für ältere Menschen und andere Risikopatienten wieder zu.

Was muss jetzt passieren, um eine zweite Welle zu verhindern?

Alles, was passieren muss, sollte schnell geschehen. «Wenn man die Zahlen wieder drücken will, ist das auf jeden Fall einfacher, solange sie noch nicht allzu hoch sind», sagt Althaus. Auch die Maskenpflicht ist Thema. «Eigenverantwortung ist wesentlich, aber jetzt sollten wir eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr zumindest dort einsetzen, wo die Fälle steigen», sagt Battegay. Die starken Lockerungen hätten ein falsches Signal gesetzt, sind die Experten überzeugt. Der Wunsch nach Normalität sei zwar sehr verständlich, doch das Virus ist nicht verschwunden, nur weil wir es ignorieren.

Was kann jeder Einzelne tun?

Jeder müsse sich nach wie vor so verhalten, als müsste er andere vor einer Ansteckung schützen, sagte die Zürcher Kantonsärztin Christine Meier am Donnerstag. «Hygiene, Abstandhalten und Maskentragen sind Massnahmen, die wenig kosten und viel bringen», sagt Battegay. Schliessungen und Mini-Lockdowns hingegen kosteten mehr.

Wie wirkungsvoll ist das Contact-Tracing?

Contact-Tracing ist ein wichtiger Pfeiler bei der Eindämmung. Doch längst nicht alle Fälle lassen sich zurückverfolgen. In vielen Kantonen sind es weniger als 50 Prozent der Fälle. Hier hoffen die Experten auf die Swiss-Covid-App. Denn Ansteckungen im öffentlichen Raum lassen sich anders kaum erkennen. «Wir sollten das Contact-Tracing dieses Mal auf keinen Fall aufgeben, selbst wenn die Zahlen steigen», sagt Battegay. Der Bund bekam Anfang März Kritik, weil die Behörden das Tracing schon eine Woche nach dem ersten Schweizer Fall aufgegeben hatten. 

Was bringen Massnahmen an der Grenze?

Grenzschliessungen sind wirkungsvolle Massnahmen, aber sie haben einen hohen Preis. Zehntägige obligatorische Selbstisolation nach der Einreise aus einem Land mit hohen Fallzahlen ist ebenfalls eine wirkungsvolle Massnahme. Fiebermessen an der Grenze hingegen erkennt nur einen kleinen Teil der Fälle. Nicht jeder hat Fieber und ansteckend ist man schon bis zu zwei Tage vor Ausbruch der Krankheit.

Steigen die Zahlen, weil viel getestet wird?

Die Testzahlen der letzten Wochen liegen gesamtschweizerisch ungefähr auf dem gleichen Niveau wie im März. Und in den letzten Wochen hat sich die Testkapazität nicht verändert, der Anstieg lässt sich also mit dem Argument des gründlicheren Testens nicht wegdiskutieren. 

Welche Fortschritte gibt es bei der Behandlung?

«Wir wissen heute viel klarer, was wirkt und was sicher nicht wirkt», sagt Battegay. Hoffnung setzen die Ärzte auf das Medikament Remdesivir, das die Virenlast im Körper eindämmen soll. Studien haben gezeigt, dass das neue Medikament die Länge des Spitalaufenthalts bei schwerkranken Covid-Patienten um vier Tage reduzieren kann. «Das ist wichtig, wenn es um die Überlastung des Gesundheitssystems bei hohen Fallzahlen geht», sagt Battegay. Entscheidend sei, dass die Patienten Remdesivir in einem frühen Stadium des Spitalaufenthalts bekommen. Noch nicht ganz bestätigt ist allerdings, ob das Medikament auch die Todesraten senken kann. Eine erste, laut Battegay qualitativ hochstehende Studie deutet jedoch darauf hin. Auch der Entzündungshemmer Dexamethason hat sich nun als wirksames Mittel entpuppt. Vor allem in England konnte er die Todesraten senken. In der Schweiz wird der Effekt vermutlich viel kleiner ausfallen, weil die Ärzte das Medikament hier sowieso in Fällen mit starken Entzündungsreaktionen bereits eingesetzt hatten. Zudem ist es den Schweizer Ärzten gelungen, die Sterberate auf den Intensivstationen im Vergleich zum Ausland grundsätzlich viel tiefer zu halten. Während sie in England bei 40 Prozent lag, waren es beispielsweise in Basel 15 Prozent der Patienten auf der Intensivstation. Auch andere Schweizer Zentren lagen in einem ähnlichen Bereich wie Basel.

Würde eine zweite Welle weniger Todesopfer fordern?

Das hänge vor allem davon ab, welche Massnahmen die Politik und wir als Gesellschaft gewillt seien umzusetzen, sagen die Experten. Man kenne die Risikogruppen. Ausserdem weiss man heute auch mehr über länger anhaltende Folgen der Erkrankungen. Jene, die es schwer trifft, leiden manchmal noch monatelang nach Abklingen der akuten Symptome.

Können wir hoffen, dass ein Teil der Bevölkerung bei einer zweiten Welle immun ist?

In Gebieten, die sehr stark betroffen waren, könnte das eine gewisse Rolle spielen. Doch die Deutschschweiz gehört auf jeden Fall nicht dazu. Zudem gibt es beim Thema mögliche Immunität noch sehr viele Fragezeichen. Verlassen kann man sich deshalb nicht darauf.

Wie sieht die Situation international aus?

Die Schweiz ist mit dem Anstieg nicht allein. In verschiedenen Ländern wie Israel oder Portugal, wo die Pandemie ausgestanden schien, steigen die Fallzahlen plötzlich wieder.